Trauerfeier für Hartwig Abraham Ummendorf-Versöhnungskirche

Veröffentlicht am 13.06.2014 in Ortsverein
 

Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.“ Jes.43,1

 

Liebe Trauergemeinde, einen Namen gemacht hatte sich Hartwig Abraham – weit über Ummendorf hinaus. Und weil zu einem Namen eine Person und ihre Geschichte gehört, so ist wohl bei jedem von Ihnen heute,seien sie ganz nah zu ihm gestanden, wie Sie,

liebe Familie Abraham, oder seien Sie auch etwas ferner zu ihm gestanden – bei Ihnen allen eine Geschichte, ein Bild, ein Gespräch gegenwärtig, und diese Geschichte, dieses Bild machen den Namen, machen die Person von Hartwig mit einem Mal ganz gegenwärtig, ja, ganz lebendig. Einen Namen hat er sich gemacht. Aber nun ganz und gar nicht in dem Sinn, wie es das AT über die Turmbauer von Babel erzählt: Lasst uns einen Turm bauen, daß wir uns einen Namen machen. Bei Hartwig war das anders: Das Bild, das von ihm bleibt, zeigt ihn ja nicht auf einer Bühne, auf der er sich bewundern läßt, nicht auf einem Podest, von dem er herabschaut, nein. Einen Namen hat er sich gemacht, weil er seinen Kindern im Baggersee das Schwimmen beigebracht hat; weil er in seiner Schule auf wunderbare Weise Chemie als ein Abenteuer des Geistes und der Phantasie gelehrt hat, weil er in seiner Nachbarschaft – ist eine solche Freundschaft überhaupt vorstellbar – mit Nachbarn ein wunderbares Buch über Pflanzen und ihre Geschichten gemacht hat. Es ist übrigens in der Stadtbücherei fast immer ausgeliehen.Seine Familie konnte lange nur ahnen, was alles er in der Archiven seiner norddeutschen Heimat ausgrub, dort, auf der Suche nach dem Geheimnis seines Namens.

Seine Genossen in der SPD kannten ihn als einen getreuen, findigen, sammelnden, bewahrenden Chronisten, der den Geschichten der einfachen Leute nachgegangen ist, wie sonst niemand. Seien Mitbürger kannten ihn als einen, der sein an seine Heimat erinnernden Ziegelbau in den Reichenbacher Weg baute – aber fremd, ein Fremder war er eben gerade nicht. In der Kirche hier war er präsent, hat mitgemacht, wo es nur geht, lange Jahre als Kirchengemeinderat, mit Beiträgen zur Gemeindegeschichte, ein fröhlicher Christ war er hier. Er sang gerne, und laut, aber falsch. Viele Bilder sind von Hartwig gegenwärtig. Aber nie steht er auf einer Bühne oder auf einem Podest. Er hat für unendlich viele Menschen und Projekte seine Kraft gegeben. Vieles ist ihm gelungen: einen Namen hat er sich wirklich gemacht mit seinen Texten, vor allem mit seinem Buch (mit Martin Gerster) über die Geschichte der Biberacher SPD. Er hätte also allen Grund, auf eine Bühne zu treten und zu sagen: schaut auf mich.

Wir wissen nicht, warum Hartwig den Spruch aus Jesaja einmal für sich ausgesucht hat. Vielleicht ihn die Zusage: „ich habe dich erlöst“ einmal berührt. Gut, daß Hartwig uns gelehrt hat, Texte genau zu betrachten. Mit „erlöst“ ist ja nicht das Gefühl einer religiösen Seligkeit gemeint – auch wenn das nicht falsch wäre. Hartwig hätte gefragt: was steht denn da wirklich ? Und über die Antwort hätte er sich gefreut: Da steht nämlich: gaal (hebräisch). Und das heißt:freigekauft. Da sagt also ein Sklave:ich bin freigekauft. Und damit sind wir ganz nahe daran, wie Hartwig seinen Glauben verstanden, wie er ihn gelebt hat. Kein Mensch muß sich einem anderen unterwerfen. Niemand muß sich erniedrigen lassen. Niemand muß aber auch herrschen müssen, mit Macht spielen, um sich einen Namen zu machen. Eine Gemeinde von Freien, von befreiten Christenmenschen – das war seine evangelische Kirche für ihn.Ich weiß, daß Hartwig die Theologische Erklärung von Barmen, den Grund der Bekennenden Kirche von 1934 sehr schätzte und liebte. Und nun ist er auf den Tag am 80.Gedenktag von Barmen gestorben. Daß es dort heißt: „Jesus Christus ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und Sterben vertrauen und zu gehorchen haben“, dieses Wort läßt uns heute danach fragen: worauf vertrauen wir, wenns ans Sterben geht.

Hartwig hat das „christus vertrauen und gehorchen“ auf seine Weise gelebt. Nämlich so, daß er hinhören konnte wie kaum ein anderer. Er hat in der Arbeit an Geschichte das Hören eingeübt. Dafür hat er Geschichten studiert: weil immer noch in vielen Zeugnissen und Dokumenten die Stimmen von eben noch nicht freien, von eben immer noch erniedrigten Menschen erzählen. Diese Stimmen hat Hartwig bewahrt. Diesen Schicksalen hat er eine Stimme gegeben. „Geschichte wird nicht nur auf der höchsten staatlichen Ebene in Szene gesetzt“. So beginnt ja programmatisch sein Buch über den SPD-Ortsverein.

Hartwig hat sich aber nicht in der Geschichte verloren. Er konnte sehr gegenwärtig arbeiten und auch kämpfen, reden und zuhören. In den Barmer Thesen heißt es ja weiter: „wir verwerfen die falsche Lehre, als gäbe es Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären.“

Ein homo politicus, ein politischer Mensch zu sein, das ware bei ihm so, daß er nach dem suchte, was Gemeinschaft stiftet. Eine Gemeinschaft entsteht beim hören und miteinander reden. Herren und Knechte sind eben keine Gemeinschaft. So hat er sich immer dann gefreut, und das konnte man in der Zusammenarbeit mit ihm spüren, wenn er Geschichten hörte, in denen das Oben und Unten, Herren und Knechte überwunden wurden. Vor allem war er an Menschen interessiert, die solche Geschichgten kannten.

So war er gleichermassen in seinen Archiven, in der Kirche,in seinem Ummendorfer Heim, in der SPD zu Hause – überall der gleiche Hartwig Abraham. Vielleicht tröstet uns nun die Erinnerung an ihn, wenn wir uns von ihm selber sagen lassen: ich habe ein von Gott befreites, ein so von Gott gewolltes,ein begnadetes Leben haben können. Auch wenn es sicher zu früh endete. Auch wenn ihm in seiner Lebenszeit nicht alles gelungen ist, – die Freiheit ist ihm gelungen. Er hat wesentliches für unsere Gemeinschaft geleistet. Er hat letztlich seine Familie, wie auch seine Heimat, seine Schule und auch seine Kirche bereichert. Dafür – und auch das kann trösten – wollen und können wir Gott loben.

Wir singen nun den alten Choral: „Christ ist erstanden“, denn er einnert daran, daß Jesus Christus mit der Auferstehung uns den Weg in die Freiheit vorangegangen ist.